Teil 1 | Soziale Arbeit in Zeiten des digitalen Wandels

by digit.social
10 Minuten
Teil 1 | Soziale Arbeit in Zeiten des digitalen Wandels

Wir sind mediatisiert

Seit geraumer Zeit ist das 'Digitale' zu einem integralen Bestandteil jener Themen geworden, die die Gesellschaft intensiv beschäftigen. Disziplin- und professionsübergreifend tauchen Begriffe wie Mediatisierung, Digitaler Wandel, Digitale Transformation - sogar Digitale Revolution auf. Sie alle versuchen das komplexe Phänomen zu beschreiben, bei dem Technologie auf den einzelnen Menschen und die Gesellschaft trifft. Digitale Endgeräte wie PCs, Smartphones oder Tabletts gehören heute zum Alltag des Menschen. Sie dienen als Informationsquelle, sind wichtige Helfer, die alltägliche Aufgaben effizienter bearbeiten lassen und sind ein wichtiges Kommunikationsmedium. Inzwischen beträgt die Gerätesättigung von Smartphones bei Kindern und Jugendlichen fast 100 Prozent (vgl. Beranek, 2018). Viele Menschen nutzen dafür kostenlose Dienste der Big Five der Branche - Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft (GAFAM) und vertrauen darauf, dass mit den persönlichen personenbezogenen Daten, die als Grundlage jener Services dienen, ordnungsgemäß umgegangen wird. Die Big Five sind marktbeherrschend. Allein Googles Mutterkonzern Alphabet hat einen Börsenwert von 570 Milliarden Dollar. (vgl. ebd. 12). Facebook vernetzte im dritten Quartal 2018 ca. 2,3 Mrd. Nutzer weltweit, allein in Europa 375 Millionen (vgl. allfacebook.de, 2018)

Überwachungskapitalismus

Parallel dazu begegnen uns immer häufiger Schlagworte wie Big Data, Fake News, Hate Speech, Filterblasen, Profilbildung, social scoring oder nudging. Medien sprechen von Manipulationsvorwürfen bei Wahlen und weisen uns auf die Macht der Algorithmen hin (vgl. Wielandt, 2018). Es wird deutlich, dass Algorithmen verstärkt Einfluss auf wichtige Weichenstellungen unseres Lebens haben. So entscheiden sie beispielsweise, ob wir einen Kredit bewilligt bekommen oder werden in die Auswahlverfahren bei Bewerbungen integriert. Auch aus alltäglichen Situationen sind sie nicht mehr wegzudenken. Sie bestimmen darüber, welche Suchergebnisse wir bei Google sehen, welche Informationen uns Facebook anzeigt oder wie viel wir für die nächste Reise bezahlen müssen. Wie das funktioniert? Es werden Profile über unser Onlineverhalten angelegt, ausgewertet und kommerzialisiert.

Doch trotz steigender medialer Informationen über die technischen Hintergründe der digitalen Dienste, beleuchten nur die wenigsten Nutzer, welche Profile beim Chatten, Suchen oder Einkaufen über Vorlieben, Gewohnheiten oder Tagesabläufe angelegt werden. Für diese Entwicklungen im privatwirtschaftlichen Sektor sprechen einige Autoren vom Begriff des Überwachungskapitalismus (vgl. Christl, 2018; Fuchs, 2019; Jacob/Thiel, 2017; Zuboff, 2018). Doch auch staatliche Vorgänge der Profilbildung und Überwachung nehmen weltweit zu, denkt man bspw. an die baldige Einführung des Social Credit Systems in China oder die von Edward Snowden veröffentlichten NSA-Papiere, die nicht nur us-amerikanische, sondern weltweite Auswirkungen haben. Die Konsequenzen der Digitalisierung für die Gesellschaft und die in ihr lebenden Individuen sind aufgrund der stetigen Entwicklung neuer Technologien längst nicht abzusehen. Vermutlich befinden wir uns auch erst am Anfang dieses Prozesses.

Und die Soziale Arbeit?

Blickt man auf die Sozialer Arbeit, könnte man - etwas polemisch ausgedrückt - annehmen, dass sie sich im Spannungsfeld zwischen Technologiefeindlichkeit einerseits und Digitalisierungseuphorie andererseits befindet. Bezüglich der im Mai 2018 in Kraft getretenen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) wirkt es, als ob das Gros der Sozialarbeitenden vor allem darauf bedacht ist, rechtlich auf der sicheren Seite zu sein bzw. nicht ins Visier möglicher Abmahnungen zu geraten und deshalb die DSGVO umsetzt, als nachzuvollziehen, worum es der EU mit der DSGVO eigentlich geht. Schaut man noch etwas weiter in die Praxis, lässt sich vermuten, dass Institutionen der Sozialen Arbeit wie freie Träger, Jobcenter und Jugendämter mit dem eigentlichen Sinn des Datenschutzes oder der Datensensibilität immer noch wenig vertraut sind. Hochsensible Inhalte wie personenbezogene Daten werden oft unverschlüsselt via E-Mail durch das Netz verschickt. Kryptografie und Datenminimierung scheinen bisher nur wenig im Fokus der Professionellen zu sein.

Digitale Technologien auf der Mikro- und Mesoebene

Soziale Arbeit setzt sich mit der Digitalisierung derzeit vor allem auf der Mikro- und Mesoebene auseinander: Wenn Sozialarbeitende professionelle Hilfebeziehungen gestalten, müssen sie selbstverständlich auch die Digitalisierung der Lebenswelten ihrer Klientel berücksichtigen. Das hat bspw. Auswirkungen auf die Kontaktaufnahme. Häufig diskutiert die Praxis deshalb Möglichkeiten der digitalen sozialen Arbeit: In der mobilen Jugendsozialarbeit wird über "hybride Streetwork" gesprochen, Beratungsstellen prüfen Konzepte von Onlineberatung. Messengerdienste, vor allem die weit verbreiteten wie whatsapp, werden für die Kommunikation und soziale Medien wie Facebook oder Instagram für die digitale Öffentlichkeitsarbeit genutzt. Auch auf der Mesoebene hat die Digitalisierung Auswirkungen. Alltägliche Dokumentationsprozesse werden seit langem digital vollzogen, Organisationsmanagement ist in vielen Bereichen digitalisiert. Auch die Kommunikation mit Stakeholdern findet vielerorts digital, meist via E-Mail statt.

Wer nimmt die Makroebene in den Blick?

In den letzten Jahren ist eine steigende Anzahl an Veröffentlichungen zum Themenfeld Digitalisierung oder Mediatisierung in der Sozialen Arbeit festzustellen. Wichtige Vertreter:innen sind hier auszugsweise Autor:innen wie Alfert, Beranek, Depew, Dopheide, Gapski, Helbig, Hill, Kreidenweis, Kutscher, Ley/Seelmeyer, Röske, Sagebiel/Pankofer oder Schicha. Auch B. Geyer oder Epe - man könnte sie als 'digitale Avantgarde Sozialer Arbeit' bezeichnen - sind hier zu nennen. Alle Autor:innen befassen sich mit dem Themenkomplex von Digitalisierung und Sozialer Arbeit. Die Themen reichen von der Anwendbarkeit neuer technologischer Entwicklungen wie virtual bzw. argumented reality als hilfreiche Methoden im sozialarbeiterischen Handlungsfeld, über die Bedeutung sozialer Netzwerke wie Facebook in der Sozialen Arbeit, bis hin zur Gefahr der Disruption für die Branche der Sozialunternehmen. Ein wachsender Teil der Profession setzt sich also mit dem digitalen Wandel auseinander. Was meines Erachtens bisher aber unzureichend aus der Perspektive Sozialer Arbeit begleitet wird, sind die gesellschaftlichen Veränderungen im Bereich der individuellen Freiheits- und Persönlichkeitsrechte.

Was meine ich damit?

Wenn die Soziale Arbeit in Zeiten des digitalen Wandels immer noch den Menschen in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns stellen will, muss sie sich ebenso mit den Risiken der Digitalisierung vertraut machen. Die wachsende Kommerzialisierung digitaler Technologien und das blinde Vertrauen vieler User gegenüber den großen Playern der IT-Branche birgt die Gefahr, dass der Mensch vom Kunden zum Produkt der Diensteanbieter wird. Dies zeigen immer wieder Berichte über Google, Facebook oder Amazon. Was macht Soziale Arbeit mit diesem Wissen? Ignoriert sie diesen Aspekt? Wie positioniert sich eine Soziale Arbeit im Spannungsfeld zwischen Technologiefeindlichkeit und Digitalisierungseuphorie?

Weiterlesen: "Auftrag: Digitale Mündigkeit"


Literatur

Alfert, N. (2015): Facebook in der Sozialen Arbeit: aktuelle Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe für eine professionelle Nutzung. Wiesbaden: Springer VS. (= Soziale Arbeit als Wohlfahrtsproduktion 7).

allfacebook.de (2018): Nutzerzahlen: Facebook, Instagram, Messenger und WhatsApp, Highlights, Umsätze, uvm. (Stand November 2018). In: allfacebook.de. https://allfacebook.de/toll/state-of-facebook (Abruf 3.1.2019).

Beranek, A. (2017): Zwischen Algorithmen und Wertediskurs: Digitalisierung und Soziale Arbeit (Vortrag). https://invidio.us/watch?v=F0Nap34-MYY (Abruf 1.12.2018).

Beranek, A. (2018): Zwischen Algorithmen und Wertediskurs: Auswirkungen der Digitalisierung auf die Profession der Sozialen Arbeit. In: Hammerschmidt, P./Sagebiel, J./Hill, B./Beranek, A. (Hrsg.): Big Data, Facebook, Twitter & Co. und Soziale Arbeit. 1. Auflage. Weinheim Basel: Beltz Juventa, S. 155–177, (= Aktuelle Themen und Grundsatzfragen der Sozialen Arbeit).

Beranek, A./Hammerschmidt, P./Sagebiel, J./Hill, B. (2018): Einführung: Big Data, Facebook, Twitter & Co.: Soziale Arbeit und digitale Transformation. In: Hammerschmidt, P./Sagebiel, J./Hill, B./Beranek, A. (Hrsg.): Big Data, Facebook, Twitter & Co. und Soziale Arbeit. 1. Auflage. Weinheim Basel: Beltz Juventa, S. 9–32.

Christl, W. (2018): Digitale Profile über Milliarden: Überwachungskapitalismus 2018 und wie weiter (Vortrag). https://media.ccc.de/v/np14-10-digitale_profile_ueber_milliarden_ueberwachungskapitalismus_2018_und_wie_weiter (Abruf 2.12.2018).

Depew, S. (2017): Die vernetzte Gesellschaft sozial gestalten: Innovations- und Kreativlabs können neue Formen sozialer Versorgung erproben. In: Blätter der Wohlfahrtspflege 164, S. 169–172.

Dopheide, C. (2017): Zur Digitalisierung des Sozialen: Ethische und ökonomische Reflexionen. Baden-Baden: Nomos.

Fuchs, C. (2019): Soziale Medien und Kritische Theorie: Eine Einführung. München: UVK Verlag. (= UTB).

Gapski, H. (2018): Big Data und Soziale Arbeit. In: Hammerschmidt, P./Sagebiel, J./Hill, B./Beranek, A. (Hrsg.): Big Data, Facebook, Twitter & Co. und Soziale Arbeit. 1. Auflage. Weinheim Basel: Beltz Juventa, S. 75–94, (= Aktuelle Themen und Grundsatzfragen der Sozialen Arbeit).

Hill, B. (2018): Digitale Medien, Medienpädagogik und Soziale Arbeit. In: Hammerschmidt, P./Sagebiel, J./Hill, B./Beranek, A. (Hrsg.): Big Data, Facebook, Twitter & Co. und Soziale Arbeit. 1. Auflage. Weinheim Basel: Beltz Juventa, S. 33–53, (= Aktuelle Themen und Grundsatzfragen der Sozialen Arbeit).

Jacob, D./Thiel, T. (Hrsg.) (2017): Politische Theorie und Digitalisierung. Baden-Baden: Nomos.

Kreidenweis, H. (Hrsg.) (2018): Digitaler Wandel in der Sozialwirtschaft: Grundlagen, Strategien, Praxis. Baden-Baden: Nomos.

Kutscher, N. (2018): Soziale Arbeit und Digitalisierung. In: Otto, H.-U./Thiersch, H./Treptow, R./Ziegler, H. (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. 6. überarbeitete Auflage. München: Reinhardt Verlag, S. 1430–1440.

Ley, T./Seelmeyer, U. (2018): Der Wert der Sozialen Arbeit in der digitalen Gesellschaft: Zur Notwendigkeit der fachlichen Aneignung der „digitalen Transformation“. In: Sozial Extra 42, S. 23–25.

Roeske, A. (2018): Digitalisierung Sozialer Arbeit: Widersprüche im fachlichen Handeln: Wahrnehmungen zur Fachlichkeit Sozialer Arbeit in einer mediatisierten Gesellschaft. In: Sozial Extra 42, S. 16–20.

Sagebiel, J./Pankofer, S. (2018): Digitale Medien, Macht und Soziale Arbeit: Ein Machtblick auf die digitale Mediatisierung in der Sozialen Arbeit. In: Hammerschmidt, P./Sagebiel, J./Hill, B./Beranek, A. (Hrsg.): Big Data, Facebook, Twitter & Co. und Soziale Arbeit. 1. Auflage. Weinheim Basel: Beltz Juventa, S. 54–74, (= Aktuelle Themen und Grundsatzfragen der Sozialen Arbeit).

Schicha, C. (2018): Informationsethische Herausforderungen durch Algorithmen. In: Hammerschmidt, P./Sagebiel, J./Hill, B./Beranek, A. (Hrsg.): Big Data, Facebook, Twitter & Co. und Soziale Arbeit. 1. Auflage. Weinheim Basel: Beltz Juventa, S. 95–117, (= Aktuelle Themen und Grundsatzfragen der Sozialen Arbeit).

Wielandt, F. (2018): Unheimliche Macht - wie Algorithmen unser Leben bestimmen (TV-Dokumentation). In: ZDF. https://www.zdf.de/uri/d58a2ca9-513a-4cc5-b3a4-e8e28ee7938e (Abruf 30.11.2018).

Zuboff, S. (2018): Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.